Was verstehen wir unter Gesundheit?
Eigentlich haben viele von uns eine ganz klare Vorstellung, was Gesundheit für uns bedeutet. Allerdings würde man von zen Menschen wahrscheinlich 10 sehr unterschiedliche Antworten erhalten. Bevor wir also über Pflanzengesundheit sprechen, hier drei Perspektiven auf die Frage, wie wir im bauerngarten Gesundheit verstehen:
1. Gesundheit als Funktionsfähigkeit – Eine Perspektive auf Gesundheit beschreibt die Fähigkeit eines Lebewesens, grundlegende Lebensfunktionen aufrechtzuerhalten. Hier geht es also um die biologische Aktivität, Stoffwechselfunktionen etc.
2. Gesundheit als Resilienz – Eine weitere Perspektive versteht Gesundheit als die Fähigkeit, Störungen zu bewältigen und nach Belastungen funktionsfähig zu bleiben. Dabei vergessen wir oft
3. Gesundheit als Systemeigenschaft – Gesundheit kann auch als Eigenschaft von Beziehungen verstanden werden, in die ein Lebewesen eingebunden ist.
Haben Pflanzen ein Immunsystem?
Pflanzen haben kein Immunsystem mit spezialisierten Immunzellen (wie Antikörper, T-Zellen etc.), aber sie besitzen ein sehr wirksames, mehrstufiges Abwehrsystem. Dieses besteht aus aus strukturellen Barrieren, lokalen Abwehrreaktionen und systemischer Signalgebung.
Bereits äußere Strukturen wie Cuticula, feste Zellwände und Wachsschichten erschweren das Eindringen von Krankheitserregern, etwa bei Blattgemüse wie Salat oder Kohl. Gelangt ein Erreger dennoch in das Gewebe, reagieren Pflanzen lokal mit verschiedenen Abwehrmechanismen, indem sie befallene Bereiche unter anderem durch Kalloseeinlagerungen, Lignifizierung der Zellwände und die Produktion antimikrobieller Substanzen (Phytoalexine) begrenzen. So kann beispielsweise bei Tomatenpflanzen eine Infektion durch Zellwandverstärkung und die Akkumulation solcher Stoffe eingedämmt werden. Gleichzeitig wird die gesamte Pflanze über Signalmoleküle wie Salicylsäure oder Jasmonate „informiert“, wodurch eine systemische Aktivierung von Abwehrprozessen ausgelöst werden kann. Dadurch kann etwa bei Gurken oder Zucchini die Abwehrbereitschaft im Blattgewebe nach einem ersten Befall erhöht sein, sodass zukünftige Infektionen schneller und effektiver abgewehrt werden.
Oft sehen wir uns als gärtnernde Menschen in der Rolle, Pflanzen vor Krankheiten zu schützen. Dabei sind sie oft weniger hilflos, als wir denken. So reagieren Pflanzen nicht nur auf eigenen Befall, sondern auch auf Warnsignale ihrer Nachbarn. Ein gut untersuchtes Beispiel ist die Tomate (Solanum lycopersicum) im Zusammenspiel mit dem Grauschimmelpilz Botrytis cinerea.
Bei einer Infektion setzt die befallene Pflanze flüchtige organische Verbindungen (VOCs) frei, die als Stress- und Abwehrsignale dienen. Benachbarte Tomatenpflanzen können diese Stoffe wahrnehmen. Dies führt zu einer sogenannten Priming-Reaktion: Die Abwehr wird nicht vollständig aktiviert, aber in einen vorbereiteten Zustand versetzt. Bei einem späteren Befall reagieren die Pflanzen dadurch schneller und stärker, etwa durch eine raschere Aktivierung von Abwehrgenen und eine verstärkte Bildung antimikrobieller Substanzen.
Welche Einflussfaktoren haben wir Gärtner*innen auf Pflanzengesundheit?
Im Pflanzenbau ist Gesundheit keine Eigenschaft der Pflanze allein, sondern das Ergebnis eines funktionierenden Wechselspiels zwischen Pflanze, Anbausystem und Ernährungsanspruch.
Bodenfruchtbarkeit und Bodenleben sind eine zentrale Grundlage der Pflanzengesundheit. Humusgehalt, Bodenstruktur und ein aktives Bodenleben aus Mikroorganismen und Bodenfauna stärken die Pflanzen und sorgen dafür, dass bodenbürtige Erreger unterdrückt werden.
Eine ausgewogene Nährstoffversorgung macht Pflanzen resilient. Unterversorgung erhöht das Risiko für Krankheiten und Schädlinge, da die pflanzeneigene Abwehr nicht optimal arbeitet. Eine einseitige Überversorgung von Nährstoffen, insbesondere von Stickstoff, kann das Gewebe weich und anfällig machen und die Gewebeentwicklung beschleunigen.
Fruchtfolge ist ein zentraler Steuerungsfaktor im ökologischen Gemüsebau für Pflanzengesundheit. Eine gut geplante Abfolge der Kulturen unterbricht Krankheitszyklen. Viele Krankheiten sind sehr wirtsspezifisch und bodenbürtige Krankheitserreger sind nur bedingt mobil. Durch Anbaupausen entziehen wir vielen dieser Erreger das Futter.
Sortenwahl und genetische Robustheit prägen die Grundstabilität der Pflanze gegenüber Stress und Krankheiten. Im Ökolandbau spielen Resistenzen eine große Rolle. Auch werden gerne widerstandsfähige und schnell wachsende Sorten verwendet, die den Krankheiten unter bestimmten Bedingungen gewissermaßen davonwachsen.
Wasserhaushalt und Mikroklima beeinflussen maßgeblich, wie stark Pflanzen Stress erleben und wie sich der Krankheitsdruck entwickelt. Zu feuchte Verhältnisse sind dabei ebenso problematisch wie zu trockene. Zu feuchte Bedingungen fördern Pilzkrankheiten, und Staunässe mindert die Leistungsfähigkeit des Boden- und Wurzelsystems. Zu trockene Bedingungen stressen die Pflanzen und erhöhen das Risiko für Schadinsekten.
Beikrautmanagement und Vegetationsumfeld wirken direkt auf Konkurrenz um Licht, Wasser und Nährstoffe, aber auch auf Mikroklima und Biodiversität. Zu enge Pflanzabstände oder hoher Beikrautdruck fördern Nährstoffkonkurrenz und erhöhen den Pilzdruck. Zu weite Abstände oder langfristig nackt daliegender Boden führen zu ungünstiger Bodenerwärmung und machen viel Beikrautregulierung nötig.
Förderung von Antagonisten
Gerade der ökologische Landbau stützt sich auf Prävention und Ursachenbekämpfung von Schädlingen und anderen Pflanzenkrankheiten.
Pflanze und Boden verfügen über teilweise sehr wirksame Mittel zur Krankheitsabwehr, die für den Menschen aber weitgehend unsichtbar bleiben. Die Schäden, welche durch Pflanzenkrankheiten oder sogenannte Schädlinge entstehen, führen in den seltensten Fällen zum Totalausfall der Ernte, sondern mindern den Ertrag meist qualitativ oder quantitativ. Erst das Überschreiten einer gewissen Schadschwelle sorgt dafür, dass der Mensch aktiv wird und – statt lediglich präventiv zu arbeiten – Akutmaßnahmen ergreift. Die Frage, wann diese Schwelle überschritten wird, ist abhängig von der Einschätzung des Menschen, der sich der Pflege der Gemüsepflanzen und der Ernte annimmt, denn die Vitalität oder Wuchskraft von Pflanzen hat großen Einfluss auf ihre Abwehrkraft gegenüber Krankheiten und Parasiten.
Um die Abwehrkräfte der Pflanzen zu stärken, bemühen wir uns um ihre ausgewogene Versorgung. Einseitigkeiten bei den Umweltfaktoren führen häufig zu einer Begünstigung von Krankheiten – entweder durch die Förderung der Schaderreger selbst, oder durch die Schwächung der Pflanze. Überversorgung, z.B. mit Wasser, Nährstoffen oder Licht kann sich dabei ebenso negativ auswirken wie eine Unterversorgung.
Fruchtfolge

Die meisten Krankheitserreger sind sehr wirtsspezifisch, das heißt, sie befallen häufig nur Pflanzen der selben Pflanzenfamilie. Bei der Fruchtfolge, also dem zeitlichen Nacheinander von Kulturen, werden möglichst optimale Zeitabstände zu den Pflanzen der gleichen Familie eingehalten.
Mischkultur

Bunte Mischkultur fördert Nützlinge und verlangsamt eine Ausbreitung von Krankheiten gegenüber einer Monokultur.
Aussaattermine

Mit der Wahl der geeigneten Aussaattermine wird auf die Bedürfnisse der Pflanzen geachtet – Krankheiten können so vermieden werden. Anhand der Bohnen lässt sich dies gut darstellen: Werden diese Ende April ausgesät, leiden sie häufig unter der Bohnenfliege; unter Umständen geht nur jeder dritte Samen auf. Sät man sie Mitte bis Ende Mai, haben sie zumeist wenig bis gar keinen Befall.
Förderung von Antagonisten

Viele Krankheiten und Schädlinge haben natürliche Gegenspieler, welche die Schaderreger massiv schwächen können. Ein Beispiel sind die viel gelobten Marienkäferlarven, die sich von Blattläusen ernähren und jedes Jahr den Mangold retten. Andere Mittel sind das Aufstellen von Greifvogelstangen gegen Wühlmäuse oder die Förderung von Igeln gegen Schnecken.
Aktivierung des Bodenlebens

Ein hoher Humusgehalt geht fast immer mit einem sehr aktiven Bodenleben einher. In der Literatur sind zahlreiche Beispiele der Bodenmikrobiologie bekannt, bei denen pflanzliche Schaderreger von Pilzen oder Bakterien, welche sich schon im Humus befinden, bekämpft werden. Somit können bei einem richtigen Kompostmanagement Pflanzenkrankheiten saniert werden.
Umweltbedingungen anpassen

Genauso wie jede Pflanze ihren passenden Cocktail aus Licht, Wasser und den anderen Nährstoffen benötigt, um zu gedeihen, tun dies auch die Schädlinge. Schnecken zum Beispiel lieben feuchte dunkle Stellen und zur Vermehrung brauchen sie geschützte Ecken im Boden. Diesen Plagegeistern begegnen wir im bauerngarten gleich zweifach: Erstens mähen wir wöchentlich unsere Wiese und die Kleewege, was ihnen die feuchten Rückzugsräume nimmt. Darüber hinaus sorgt die mechanische Bodenbearbeitung dafür, dass die Entwicklung der Schneckeneier im Boden massiv gestört wird.
Sortenwahl

Hier setzten wir auf besonders robuste oder auch schnelle Sorten, die den Krankheiten gewissermaßen davonwachsen können.
Akutmaßnahmen

Wenn die Prävention versagt, bieten Akutmaßnahmen die Möglichkeit, die Folgen versäumter Missstände einzugrenzen und ihnen entgegen zu wirken. Für mache Krankheiten wie die Kraut- und Knollenfäule (vor allem bei Kartoffeln und Tomaten) sowie viele andere mikrobielle Erkrankungen gibt es zum Teil wenig Handhabe bei der akuten Bekämpfung. Vereinzelt gehören sie aber zum täglichen Gärtner- und Landwirtsleben dazu.
Hier einige Beispiele: Schädlinge Abzusammeln ist gerade im Hausgarten bzw. in der Parzelle eine sehr effektive Methode – Kartoffelkäfer und Kohlraupen wie vom Kleinen und Großen Kohlweißling können so wirkungsvoll beseitigt werden. Ähnliches gilt für Schnecken: Hier können Bierfallen eingesetzt, oder am frühen Morgen die Tierchen von den Gemüsepflanzen abgesammelt werden. Punktuell setzten wir im bauerngarten ein von Bioland zugelassenes Schneckenkorn ein.
Gegen die Kohlhernie, die uns im bauerngarten gerade Schwierigkeiten bereitet, hilft eine frühe Ernte der Kreuzblütler, also unserer Kohlpflanzen. Wichtig ist dabei, dass die Kohlwurzeln bei der Ernte aus dem Boden entfernt werden und getrennt von der restlichen Pflanze vom Acker gefahren werden. Denn wenn die Wucherungen an den Wurzeln beginnen sich zu zersetzen, werden die Dauersporen des Pilzes frei, die sich sehr lange im Boden halten können und im nächsten Jahr als Pilz die neuen Pflanzen befallen..